Rollentausch Volontärin Annika Richter hilft im OP
Quelle:
18.08.2009, Nordwest-Zeitung, Annika Richter
Sorgfalt und Reinlichkeit sind das oberste Gebot im OP-Saal. Zimperlich darf man dagegen nicht sein.
Wildeshausen - Gespannte Stille herrscht im Operationssaal. Nur das gleichmäßige Piepen der Überwachungsgeräte ist zu hören. Drei Personen in blauen Kitteln stehen konzentriert über einen Patienten gebeugt. "Schnitt", sagt eine Männerstimme.
Nein, dies sind keine Dreharbeiten zur "Schwarzwaldklinik". Ich stehe im Operationssaal 3 des Wildeshauser Johanneums, und gerade beginnt Dr. Hans-Jürgen Herrmann, Chefarzt der chirurgischen Abteilung, damit, einen Patienten aufzuschneiden.
Ich habe schon immer begeistert die "Schwarzwaldklinik" geschaut. Da lag die Idee nahe, mich für meinen Rollentausch einen Tag lang als OP-Schwester zu versuchen. "Wie standfest sind Sie denn?" fragt mich Irmgard Rawe, Qualitätsmanagementbeauftragte im Johanneum, als sie mich zum OP-Bereich führt. Gute Frage. Einen Operationssaal, geschweige denn einen Menschen, habe ich bisher noch nie von innen gesehen.
Zuerst muss ich OP-tauglich werden: In der Personalschleuse muss ich meine Kleidung ablegen, und einen mintgrünen Dress samt Haube sowie OP-Schuhe anziehen. Fertig eingekleidet treffe ich auf Pfleger Markus.
Ihm darf ich mich heute an die Fersen hängen. Markus Spils ist nicht nur seit 13 Jahren Pfleger, sondern kümmert sich auch um die OP-Leitung und -Koordination. Er erklärt mir kurz, was heute auf dem OP-Plan steht. Und dann wieder diese Frage: "Können Sie gut Blut sehen?" Langsam wird mir doch mulmig.
Führung im Bauchraum
Meine Knie fühlen sich an wie Gummi, als Markus mich in den Operationssaal 3 führt, in dem schon der erste narkotisierte Patient des Tages liegt. Seltsam, wie der junge Mann mit dem Leistenbruch so daliegt und gar nicht merkt, dass ich per minimal-inversiver Technik, der sogenannten Schlüssellochchirurgie, und winziger Kamera eine Führung durch seinen Bauchraum bekomme.
Meinem Magen geht es erstaunlich gut. Auch die Entfernung eines Tumors aus einem Finger im Saal nebenan kann mich nicht schrecken. Doch das war erst die Aufwärmphase.
Abstand halten
Bevor die nächste Patientin an der Reihe ist, muss der OP aufgeräumt und gesäubert werden. Als nächstes steht eine Schultergelenkspiegelung auf dem Plan. Hierfür suchen Markus und ich im Containerlager die Siebe mit den sterilen Intrumenten zusammen.
Damit die Patienten nicht mit Bakterien infiziert werden, ist der Raum um den OP-Tisch eine keimfreie Zone, in der sich nur die operierenden Ärzte und die jeweilige instrumentierende Pflegekraft aufhalten dürfen. Für alle anderen heißt es: Abstand halten.
Damit die keimfreie Zone und die Instrumente auch keimfrei bleiben, muss beim Aufbauen der Instrumententische Vorsicht walten. Als ich OP-Schwester Patricia Brandenburg helfe, sich in ihrem sterilen Kittel einzuwickeln, darf ich ihn nur an ganz bestimmten Zipfeln und Enden berühren.
Auch das korrekte Auspacken der eingeschweißten Kompressen, Nähte, Klingen und Ärztekittel, die ich ihr anreiche, ist eine Kunst für sich. "Das ist wie Geschenke auspacken, nur dass immer das gleiche drin ist", sagt Markus. Mit Geschenkpapier gehe ich sonst unsanfter um.
Von innen aufräumenNachdem auch die Formalien der Patientin ins System eingegeben sind, kann es mit der OP losgehen. Diesmal ist schon mehr zu sehen. "Im Grunde wird erst einmal mit einem minimalen Schnitt die Lage sondiert", sagt Markus. "Dann wird mit einem größeren Schnitt von innen aufgeräumt und der Kalk und etwas Knochen entfernt, um Platz zu schaffen."
Schwester Patricia reicht routiniert die Instrumente an. Um als Pflegepersonal im OP zu arbeiten, bedarf es einer speziellen Ausbildung. "Bis man richtig instrumentieren kann, vergehen bis zu anderthalb Jahre", erzählt Markus. "Bei Standard-Operationen wird ohne Ansage instrumentiert. Da muss man ganz genau wissen, was wann gebraucht wird, und dem Arzt zwei bis drei Schritte voraus sein." Damit das auch klappt, liegen die Instrumente immer in der selben Reihenfolge auf den Tischen.
Als OP-Schwester sollte man nicht nur verantwortungsbewusst und flexibel sein, sondern auch ein ruhiges Wesen haben. Schließlich gilt es, aufgeregte Patienten vor der OP zu beruhigen. Und dann wird mir klar, warum man nicht zimperlich sein darf.
Langsam kehrt Routine ein
Der nächste Patient bekommt ein neues Hüftgelenk. Ein verbrannter Geruch steigt mir in die Nase, als das Gewebe mit der elektrischen Schere durchschnitten wird. Und auch die Geräusche des Bohrers und der Fräse sind genauso gewöhnungsbedürftig, wie das spätere Hämmern beim Nageln von Unterarm und Schienbein.
Zwischen den OPs kehrt für mich langsam Routine ein: aufräumen, säubern, Instrumente zusammen suchen und auspacken. Zum Schluss besuche ich noch meinen ersten Patienten: Christian Ulpts hat seine Leistenoperation gut überstanden. "Ich fühl mich schon wieder richtig gut", sagt er.
Acht Stunden stehe ich nun mit Röntgenschürze im OP. Ich empfinde höchsten Respekt für all die guten Geister dort. Mein Körper weiß jedenfalls, was er getan hat. Und ein bisschen stolz bin ich auch: Ich bin wohl doch ziemlich standfest.